Der Schatten von Asklevia: Smurglem und die Schatzkammer der Geheimnisse
Die Chroniken der bekannten Reiche sind geschrieben mit dem Blut der Gefallenen und der Tinte von Gelehrten, die sich selten über die hohen, sicheren Mauern der Steinbibliotheken hinauswagen. Und doch gibt es Kapitel der Geschichte, die sich nicht auf gewöhnliches Pergament bannen lassen – Geschichten, die in den heulenden Winden der zerklüfteten Gipfel, in der bedrückenden Stille uralter, vergessener Gewölbe und in dem leisen, angespannten Gemurmel am einsamen Lagerfeuer weiterleben. Unter diesen ungeschriebenen Legenden wecken nur wenige Namen so viel Neugier, Spannung und absolute Unvorhersehbarkeit wie Smurglem the Asklevian.
Smurglem zu verstehen bedeutet, einen Außenstehenden zu verstehen, der in eine Welt blickt, die von starren Schicksalen und uralten Blutlinien bestimmt wird. Wie das weitreichende, epochale, großartige Gesamtbild des Suche nach Kimel Drago Im Verlauf der Geschichte stehen oft große Helden, tragische Könige und finstere Herrscher im Rampenlicht, deren Ambitionen den Kosmos zu zerreißen drohen. Doch die Geschichte wird nicht nur von den Titanen der Prophezeiungen geprägt; sie wird durch die Entscheidungen derer, die im Schatten der großen Erzählung agieren, beeinflusst, in eine andere Richtung gelenkt und manchmal sogar völlig auf den Kopf gestellt.
Smurglems Herkunft aus dem Kreis der geheimnisvollen Asklevianer hebt ihn von den üblichen Archetypen großer Abenteuer ab. Er ist weder ein Vorbild makelloser Tugend noch ein Verkörperer purer, unverfälschter Bosheit. Stattdessen steht er für Überleben, kalkuliertes Risiko und eine zutiefst persönliche Suche nach Sinn in einer Welt, die von überwältigenden kosmischen Kräften beherrscht wird. Diese Chronik taucht tief in ein bisher unbekanntes Kapitel seiner Reise ein – einen verzweifelten, risikoreichen Streifzug durch tückische Gefilde, in denen jede Entscheidung den Unterschied ausmachen könnte zwischen der Entdeckung einer uralten Wahrheit und dem Untergang im vergessenen Staub einer gleichgültigen Welt. Dies ist die Geschichte eines einsamen Reisenden, der auf dem schmalen Grat zwischen Untergang und Offenbarung wandelt und der der grandiosen Saga des Kimel-Drago-Universums seinen eigenen, unauslöschlichen Stempel aufdrückt.
Schatten am Horizont
Der Himmel über den zerklüfteten Obsidiangraten färbte sich nicht rot; er nahm ein tiefes, erstickendes Violett an, schwer vom Geruch nach Ozon und altem Staub. Smurglem zog seinen verwitterten Umhang enger um seine asymmetrischen Schultern, während seine goldenen Augen mit den geschlitzten Pupillen über die zerklüftete Landschaft huschten. Der Wind hier wehte nicht einfach nur – er zischte und trug das trockene, kratzende Geräusch von uralten Sandkörnern mit sich, die an Steinen rieben, die seit Jahrhunderten nicht mehr die Wärme einer echten Sonne gespürt hatten.
Er war weit entfernt von den vertrauten Grenzen des Tieflands, tief in einem Gebiet, in dem die Geografie selbst das Eindringen von Lebewesen zu verübeln schien. Unter ihm lag die zerklüftete Weite des Aschenbeckens, eine vernarbte Erdmulde, in der die Überreste längst vergessener Konflikte unter Schichten aus versteinerten Knochen und verhärteter Schlacke begraben lagen. In der Ferne ragte die Silhouette der zerbrochenen Türme wie die verfaulenden Zähne eines prähistorischen Ungeheuers empor und durchbohrte die tief hängende Wolkendecke.
“Du bist ein Narr, Smurglem”, murmelte er vor sich hin, seine Stimme ein leises, raues Raunen, das kaum über den hohen Kragen seiner Tunika hinausdrang. “Ein brillanter, weitsichtiger Narr, aber dennoch ein Narr.”
Er rückte den schweren Lederriemen über seiner Brust zurecht und vergewisserte sich, dass der mit Messing beschlagene Zylinder, in dem seine Karten steckten, sicher saß. In seiner linken Hand schlug sein langstieliger Stab – dessen Spitze mit einem Fragment aus mattem, pulsierend grünem Stein versehen war, der der umgebenden Dunkelheit trotzte – mit einem rhythmischen, beruhigenden dumpfen Schlag auf den Boden. Der Stein fühlte sich kalt an, doch er summte mit einer Resonanz, die tief in seinen Knochen vibrierte – eine ständige Erinnerung an die unsichtbaren Strömungen, die unter der Oberfläche der Welt flossen.
Das Ziel seiner Reise war weder Ruhm noch der bloße Erwerb von Gold. Solche Vorstellungen waren vergänglich – die Obsessionen kurzlebiger Völker, die hell aufleuchteten und dann in der Bedeutungslosigkeit verschwanden. Smurglem suchte das Veridical Node, ein Relikt, das nur in den bruchstückhaftesten, verbotenen Texten seines Volkes erwähnt wurde. Wenn die Übersetzungen stimmten – und er hatte drei Winter in Isolation verbracht, um jede Syntax und jedes Symbol zu überprüfen –, dann enthielt der Knoten die genauen räumlichen Koordinaten des primären Risses, ein Schlüsselelement zum Verständnis der wahren Flugbahn des Kimel-Drago-Phänomens.
Eine plötzliche Windböe ließ ihn erstarren. Die Luft wurde augenblicklich kälter, der schwefelartige Geruch der Umgebung wich dem scharfen, metallischen Geruch von Ozon. Die Schatten, die die zerklüfteten Felsen um ihn herum warfen, wurden nicht länger, als die ferne, hinter Wolken verborgene Sonne unterging; stattdessen begannen sie sich zu sammeln, lösten sich von den Felswänden und streckten sich wie ausstreckende Finger nach außen.
Er trat einen Schritt zurück, seine Stiefel knirschten leise auf dem vulkanischen Kies. Die Stille im Tal war gebrochen und einer leisen, rhythmischen Schwingung gewichen, die sich weniger wie ein Geräusch anfühlte, sondern eher wie ein kollektiver Herzschlag der Erde selbst. Etwas erwachte gerade – oder besser gesagt: Etwas hatte endlich seine Anwesenheit bemerkt.
Das öde Becken
Der Abstieg ins Aschenbecken war, als würde man in das Maul eines schlummernden Leviathans treten. Die Temperatur sank mit jedem Dutzend Schritte, die Luft wurde immer dichter von feinem, grauen Ruß, der an Smurglems Haut klebte und seine Lungen reizte. Er zog sich ein Stück behandeltes Tuch über Mund und Nase, und sein Atem verwandelte sich in ein rhythmisches, gedämpftes Keuchen.
Der Weg war tückisch – eine Abfolge schmaler, bröckelnder Felsvorsprünge, die in die Seite der steilen Vulkanfelsen gehauen waren. Zu seiner Linken befand sich der massive, unnachgiebige schwarze Fels; zu seiner Rechten ein Abgrund, gefüllt mit wirbelndem, leuchtendem Nebel, der in einem schwachen, kränklichen Grün schimmerte. Er verlagerte sein Gewicht zur Wand hin, während seine langen Finger in den tiefen Spalten des Gesteins Halt fanden.
Als er den Boden des Beckens erreichte, wurde das Gelände flacher und verwandelte sich in ein unheimliches Labyrinth aus versteinerten Säulen und erstarrten Wellen uralter Lava. Es war ein Denkmal für eine plötzliche, katastrophale Gewalt, die sich ereignet hatte, noch bevor die ersten Reiche des heutigen Zeitalters überhaupt ihre Grundsteine gelegt hatten. Hier schienen die Naturgesetze an ihren Rändern auszufransen. Die Schwerkraft schien in einem schrägen Winkel zu wirken, und das Licht des grünen Steins an seinem Stab flackerte unregelmäßig und warf lange, tanzende Schatten, die nicht immer mit der Geometrie der Hindernisse um ihn herum übereinstimmten.
Smurglem blieb an einer Kreuzung stehen, an der sich drei identische Schluchten in die Dunkelheit verzweigten. Er öffnete den Messingzylinder und zog ein Blatt Pergament heraus, das sich kühl und steif unter seinen Fingern anfühlte. Er fuhr mit einem langen, geschwärzten Fingernagel eine Linie nach, wobei er die Augen zusammenkniff, während er die uralten Linien mit der Geometrie der realen Welt vor sich verglich.
“Der linke Weg führt hinunter in die Salzebene”, murmelte er, während sein Verstand die Risiken abwog. “Zu ungeschützt. Der rechte Weg ist mit vulkanischem Glas übersät – tödlich für die Stiefel und noch schlimmer für die Lunge, wenn der Wind auffrischt. Die Mitte … in der Mitte sammeln sich die Schatten.”
Er entschied sich für die Mitte. Es war die Entscheidung eines Pragmatikers, der begriff, dass in einem Reich, das von uralten Kräften geprägt war, der Weg mit dem größten Widerstand oft genau der war, der für Reisende mit seinem ganz besonderen Ehrgeiz bestimmt war.
Je weiter er voranschritt, desto dichter wurden die versteinerten Säulen und bildeten eine düstere Kolonnade, die das wenige Umgebungslicht, das noch vom Himmel kam, vollständig abschirmte. Der Boden unter seinen Füßen wechselte von losem Kies zu breiten, flachen Platten aus dunklem Stein, rissig und uneben, in deren tiefen Spalten blasses, fadenförmiges Moos wuchs. Die Stille hier war absolut, ein bedrückendes Gewicht, das auf seine Ohren drückte, bis er das hektische Rauschen seines eigenen Blutes hören konnte.
Dann kam das Geräusch. Es war kein Brüllen oder Schrei, sondern ein trockenes, raschelndes Schaben, als würden Tausende toter Blätter über einen gefrorenen See geschleift. Es kam aus allen Richtungen zugleich, hallte von den Steinsäulen wider und machte es unmöglich, die Quelle genau zu lokalisieren. Smurglem blieb stehen und hob seinen Stab; der grüne Stein erglühte mit einem plötzlichen, intensiven Leuchten, das die Dunkelheit um zwanzig Schritte zurückdrängte.
Begegnungen im Dunkeln
Aus den tiefen Schatten zwischen den Säulen begannen sich Gestalten abzuzeichnen. Es waren Kreaturen, die aus der einzigartigen Verderbnis des Beckens hervorgegangen waren – chitinartige, vielgliedrige Schrecken, deren Panzer genau die Farbe des umgebenden Vulkangesteins hatten. Sie bewegten sich mit einer ruckartigen, unnatürlichen Geschwindigkeit, ihre langgestreckten Gliedmaßen endeten in blassen, verkalkten Stacheln, die scharf auf dem Steinboden klackerten.
Smurglem geriet nicht in Panik. Panik war ein emotionaler Luxus, der denen vorbehalten war, die glaubten, das Universum schulde ihnen ein langes Leben. Er passte seine Haltung an, schob seinen rechten Fuß nach hinten, senkte seinen Schwerpunkt und umklammerte seinen Stab mit beiden Händen.
Die erste Kreatur stürzte sich auf ihn, ihr Maul spaltete sich in vier deutlich voneinander getrennte, vertikale Kiefer, die mit nadelartigen Zähnen gesäumt waren. Sie zielte auf seine Kehle, ihre Bewegungen waren ein Wirbel aus Raubtierinstinkt. Smurglem wartete bis zum allerletzten Bruchteil einer Sekunde, dann drehte er sich auf dem Absatz um. Die Kreatur schoss an ihm vorbei, ihre verkalkt Stacheln kratzten vergeblich an seinem dicken Ledermantel.
Noch bevor das Biest auf dem glitschigen Stein wieder Halt finden konnte, schlug Smurglem mit dem Stiel seines Stabes mit knallender Wucht auf dessen Panzer ein. Der grüne Stein an der Spitze flammte auf und setzte einen punktuellen Druckwellenimpuls frei, der die äußere Hülle der Kreatur zerschmetterte und sie über den Boden schleuderte, während dunkle, zähflüssige Flüssigkeit aus ihren Wunden sickerte.
Doch zwei weitere traten an seine Stelle, flankiert von mehreren kleineren, schnelleren Drohnen, die aus den Rissen in den Pflastersteinen auftauchten. Sie kreisten nun um ihn herum, da sie erkannten, dass der einsame Reisende nicht die leichte Beute war, die sie erwartet hatten.
“Ich habe nichts gegen das Ungeziefer dieser Einöde”, sagte Smurglem, wobei seine Stimme eine Oktave tiefer wurde, als er begann, eine tiefe, rhythmische Sequenz in der alten asklevianischen Sprache zu singen. Die Worte waren schwer, die Silben blieben ihm wie Kies im Hals stecken.
Während er sprach, begann sich die Luft um ihn herum zu verzerren. Der Ruß und Staub in der Umgebung sammelten sich zu einem wirbelnden Strudel, dessen Zentrum die leuchtende Spitze seines Stabes bildete. Die Kreaturen spürten die Druckveränderung und stürmten gleichzeitig aus drei verschiedenen Richtungen auf ihn zu.
Smurglem beendete den Zauberspruch mit einer scharfen, explosiven Silbe und rammte die Unterseite seines Stabes kräftig in die mittlere Steinplatte.
Eine Schockwelle aus smaragdgrünem Licht schoss nach außen und zerriss die Luft mit dem Geräusch eines zerbrechenden Gletschers. Die Druckwelle traf die heranstürmenden Schrecken mitten im Sprung, hob ihre schweren Körper empor und schleuderte sie mit solcher Wucht gegen die versteinerten Säulen, dass ihre chitinartigen Gliedmaßen zerbrachen. Die kleineren Drohnen wurden augenblicklich vaporisiert und zu Asche zermahlen, die sich nahtlos mit dem Ruß des Beckens vermischte.
Die Echos der Explosion hallten in die Ferne, hinterließen eine tiefe, hallende Stille und den beißenden Geruch von verbranntem Chitin. Smurglem stand in der Mitte der Lichtung, seine Brust hob und senkte sich leicht, und sein Blick wanderte nicht von den dunklen Zwischenräumen zwischen den Säulen, bis er sicher war, dass sich in der Dunkelheit nichts mehr regte.
Er blieb nicht stehen, um sein Werk zu begutachten. Er wischte sich einen Streifen dunklen Ichors vom Ärmel, überprüfte, ob sein Kartentäschchen noch intakt war, und eilte weiter, angetrieben von dem Wissen, dass die magische Entladung unweigerlich größere, uralte Wächter an seinen Standort locken würde.
Die versunkene Schwelle
Das Labyrinth aus Säulen ging schließlich in ein riesiges, halbkreisförmiges Amphitheater über, das aussah, als wäre es mit einem unvorstellbar großen Meißel direkt aus dem Berg selbst herausgemeißelt worden. Am Fuße dieser Senke stand ein Bauwerk, das dem natürlichen Chaos des Beckens trotzte – ein prächtiges, quadratisches Tor aus ineinandergreifenden Blöcken aus mattgrauem Metall, das trotz jahrtausendelanger Einwirkung der korrosiven Atmosphäre keinerlei Anzeichen von Rost oder Alterung zeigte.
Das war die „Sunken Threshold“, der äußere Rand des Gewölbes, in dem sich der Veridical Node befand.
Smurglem stieg die weitläufige Steintreppe hinab, die zum Boden des Amphitheaters führte, wobei seine Stiefel in der weiten Leere klackerten. Das Tor war gewaltig, locker dreimal so hoch wie er, und seine Oberfläche war völlig glatt, abgesehen von einer einzigen, kreisförmigen Vertiefung auf Augenhöhe.
Er näherte sich der Metalltür, in deren matter Oberfläche sich sein Spiegelbild als verzerrte, schemenhafte Gestalt widerspiegelte. Er hob die linke Hand und fuhr mit den Fingern den Rand der kreisförmigen Vertiefung nach. Er spürte eine schwache, warme Schwingung, die aus dem Inneren des Metalls ausstrahlte – ein krasser Gegensatz zu den eisigen Temperaturen des Beckenbereichs draußen.
“Der Mechanismus erfordert eine bestimmte Resonanz”, murmelte er, öffnete erneut seine Kartentasche und holte einen kleinen, mit Samt ausgekleideten Beutel heraus. Daraus holte er einen schweren, dreieckigen Schlüssel hervor, der aus demselben grünen Stein gefertigt war wie die Spitze seines Stabes. Es war ein Relikt, das er bei einem blinden Händler in einer fernen Hafenstadt eingetauscht hatte – ein Geschäft, das ihn drei Jahre sorgfältig gesammelter astrologischer Daten gekostet hatte.
Er steckte den Schlüssel in die Mitte der runden Vertiefung. Einen Moment lang passierte nichts. Die Stille wurde bedrückender, die Luft wurde schwer und stickig.
Dann, mit einem Geräusch, als würden tief unter der Erde zwei massive Eisenplatten aneinander reiben, begann sich der dreieckige Schlüssel zu drehen. Die kreisförmige Vertiefung leuchtete mit einer Reihe konzentrischer Ringe aus blassblauem Licht auf, die sich über die gesamte Oberfläche der massiven Metalltüren ausbreiteten. Die ineinandergreifenden Blöcke verschoben sich, glitten nach hinten und dann in die Seiten des Steinrahmens – mit einer fließenden, geräuschlosen Präzision, die von einer unglaublich fortschrittlichen, längst vergessenen Handwerkskunst zeugte.
Ein Schwall abgestandener, kalter Luft strömte aus dem dunklen Inneren hervor und trug den Geruch von trockenem Pergament, Ozon und einer unterschwelligen Note von etwas unglaublich Altem und Metallischem mit sich. Smurglem trat über die Schwelle, noch bevor sich die Türen hinter ihm schließen konnten, und hielt seinen Stab hoch, um die riesige Höhle dahinter zu beleuchten.
Die Geheimnisse der Alten entschlüsseln
Das Innere des Gewölbes stand in krassem Gegensatz zu der rauen, chaotischen Landschaft des Aschenbeckens. Die Wände waren mit senkrechten Platten aus dunklem, poliertem Stein verkleidet, von denen jede mit Tausenden winziger, filigraner Glyphen verziert war, die mit einem schwachen, gleichmäßigen inneren Leuchten strahlten. Die Decke verschwand in der Dunkelheit, doch in regelmäßigen Abständen pulsierte sanftes, blaues Licht über den Boden und leitete seine Schritte zur Mitte der Kammer.
In der Mitte des riesigen Raums stand ein einzelner Sockel, auf dem eine große, facettenreiche Kugel aus dunklem Kristall ruhte. Das war der Veridical Node.
Smurglem näherte sich dem Sockel mit einer seltenen Ehrfurcht; seine sonst so gehetzten, zweckmäßigen Bewegungen wichen einem langsamen, bedächtigen Schreiten. Er legte seinen Stab neben sich auf den Boden, dessen grünes Licht lange, dramatische Schatten an die mit Glyphen bedeckten Wände warf.
Er beugte sich über die Kristallkugel, und in seinen goldenen Augen spiegelten sich die komplexen Lichtmuster wider, die sich in ihren Tiefen veränderten. Der Knoten war kein passives Aufzeichnungsgerät; er war ein lebendiger Speicher für räumliche und historische Daten, der die Veränderungen in der Realität verfolgte, die das Kimel-Drago-Phänomen über mehrere Dimensionen und Epochen hinweg prägten.
“Lass uns mal sehen, was du vor der Welt verbirgst”, flüsterte Smurglem, streckte seine langen Hände aus und hielt seine Handflächen nur wenige Zoll von den glatten Facetten des Kristalls entfernt.
Er schloss die Augen und richtete seine inneren Sinne auf die subtilen, hochfrequenten Schwingungen des Artefakts. Für einen normalen Menschen wäre dieser Kontakt kaum wahrnehmbar oder würde sich vielleicht wie eine leichte statische Aufladung anfühlen. Für einen Asklevianer, der in den Künsten der Resonanz und Deutung geschult war, war es jedoch ein Strom roher, ungefilterter Informationen, der wie ein angeschwollener Fluss, der einen Damm durchbricht, seine Arme hinauf und in seinen Geist strömte.
Bilder schossen ihm durch den Kopf:
Sterne, die zu Punkten unendlicher Dichte zusammenbrechen, um sich dann wieder zu perfekten, geometrischen Strukturen zu formen.
Riesige, schattenhafte Risse, die das Gewebe uralter Schlachtfelder zerreißen und ganze Armeen verschlingen, ohne auch nur eine Spur von Blut oder Knochen zu hinterlassen.
Das unverkennbare Kennzeichen der Kimel-Drago-Energie – ein goldenes, durchdringendes Licht, das der Dunkelheit trotzte und doch eine ihm innewohnende, furchterregende Fähigkeit zur völligen Destabilisierung in sich barg.
Smurglem biss die Zähne zusammen, seine Muskeln spannten sich an, während er seinen Verstand dazu zwang, den chaotischen Datenstrom zu sortieren. Er suchte nach bestimmten Markern – den Knotenpunkten, an denen die Energie des Risses in die Geografie der heutigen Zeit eindrang.
Er fand die erste Koordinate: ein hohes, windgepeitschtes Plateau weit im Norden, ein Ort, an dem die Grenze zwischen den Welten so dünn war wie alte Wolle. Die zweite Koordinate lag tiefer, verborgen unter den Wurzeln eines uralten Waldes, der über den Ruinen einer vor-menschlichen Zivilisation gewachsen war.
Die dritte Koordinate ließ ihm jedoch den Atem stocken. Es handelte sich nicht um einen festen Ort. Sie bewegte sich und verschob sich mit einer gezielten, berechnenden Intelligenz über die Karte. Der Riss war nicht nur ein Naturphänomen; er wurde manipuliert und von einem Wesen oder einer Kraft gelenkt, die seine Eigenschaften weitaus besser verstand als jeder Gelehrte in den bekannten Reichen.
“Unmöglich”, keuchte Smurglem laut, während seine Augen ruckartig aufschlugen. Er unterbrach die Verbindung und wich vom Sockel zurück, als hätte sich der Kristall plötzlich in weißglühendes Eisen verwandelt. Er zitterte, und kalter Schweiß brach ihm auf der hohen Stirn aus. “Das ist kein zufälliges Zerreißen des Schleiers. Es ist eine gezielte Ernte.”
Der Wächter des Knotens
Noch bevor Smurglem die Tragweite der Daten vollständig begreifen konnte, bebte der Boden unter seinen Stiefeln heftig. Das sanfte blaue Licht, das die Wände des Gewölbes erhellte, wechselte plötzlich zu einem grellen, flackernden Rot. Die komplizierten Glyphen begannen rasend schnell zu laufen, ihr gleichmäßiges Leuchten wurde durch ein hektisches, unregelmäßiges Blinken ersetzt, das chaotische Muster über die Kammer warf.
Aus den dunklen Tiefen der Decke begann sich eine gewaltige Gestalt herabzusenken, aufgehängt an dicken, segmentierten Kabeln aus uraltem Metall. Es war ein Wächter, ein automatisierter Wächter, der dafür sorgen sollte, dass jeder, der Zugang zum Veridical Node erhielt, nicht nur den Schlüssel besaß, sondern auch das Recht, dessen Geheimnisse in die Welt hinauszutragen.
Der Wächter war ein imposantes Konstrukt aus Eisen und grünem Stein, dessen Gestalt vage an einen stilisierten, gesichtslosen Krieger von gewaltigen Ausmaßen erinnerte. Sein Oberkörper war ein schwerer, gepanzerter Block, und seine Arme endeten in massiven, rotierenden Zylindern, die mit schweren Stacheln besetzt waren. Dort, wo sein Kopf hätte sein sollen, fegte ein einzelner, horizontaler Schlitz aus leuchtend purpurrotem Licht durch die Kammer und richtete sich mit erschreckender Präzision auf Smurglem.
“Eindringling identifiziert”, dröhnte eine Stimme durch den Tresorraum. Es war keine mechanische Stimme, sondern ein vielschichtiger, hallender Chor aus hundert Stimmen, die in perfektem Einklang sprachen, wobei ihr Ton völlig frei von Emotionen oder Mitleid war. “Für die Datenextraktion ist eine Zugangsberechtigung erforderlich. Das Nichtvorweisen von Zugangsdaten führt zur sofortigen Vernichtung.”
Smurglem hob seinen Stab vom Boden auf, während seine Gedanken schneller rasten als je zuvor. Er hatte keine Berechtigung; der Schlüssel, den er benutzt hatte, hatte ihm zwar Zugang zum Gebäude verschafft, doch das Extrahieren der Kerndaten hatte die internen Sicherheitsprotokolle des Tresorraums ausgelöst.
“Ich bin Smurglem aus Asklevia”, rief er zurück, wobei seine Stimme gegen das mechanische Dröhnen des herabsteigenden Konstrukts ankämpfte. “Ich trage den Schlüssel der drei Winter! Ich beanspruche das Entdeckungsrecht!”
“Zugangsdaten ungültig”, antwortete der Chor sofort.
Der Wächter schlug mit solcher Wucht auf den Steinboden auf, dass die Steinplatten zerbrachen und eine Schockwelle durch Smurglems Beine schoss. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, stürzte sich das Konstrukt nach vorne, wobei sein massiver rechter Arm in einem weiten, horizontalen Bogen schwang, der einen weniger starken Entdecker an der Gewölbewand zu Brei zermalmt hätte.
Smurglem warf sich flach auf den Bauch auf den Boden, als der Eisenzylinder nur wenige Zoll über seinem Kopf vorbeizischte. Der durch den Schlag ausgelöste Windstoß war heftig, riss ihm den Umhang von den Schultern und ließ seine Kartentasche über den glatten Boden huschen.
Er rollte sich zur Seite, als der linke Arm des Wächters senkrecht herabsauste; die schweren Stacheln bohrten sich tief in den Stein, auf dem er noch einen Bruchteil einer Sekunde zuvor gelegen hatte. Der Stein zersplitterte und überschüttete ihn mit scharfen Splittern, die sich in seine Wangen und Hände schnitten.
Er rappelte sich auf und wich rückwärts zum Rand des Raums zurück. Er brauchte Platz, und was noch wichtiger war: Er brauchte eine Schwachstelle. Das Konstrukt bestand aus Materialien, die seine Mitarbeiter nicht einfach allein mit roher Körperkraft durchbrechen konnten. Er musste die Umgebung nutzen oder eine Schwachstelle im Design der uralten Maschine finden.
Ein Kampf zwischen Verstand und Stahl
Der Wächter drehte sich mit einer mechanischen Geschmeidigkeit, die sein immenses Gewicht Lügen straffte, während der rote Lichtspalt jede Bewegung von Smurglem verfolgte. Er rückte mit einem gleichmäßigen, rhythmischen Schritt vor, wobei jeder Schritt ein kleines Erdbeben innerhalb der Grenzen des Gewölbes auslöste.
Smurglem umrundete den äußeren Rand des Raums und hielt dabei seinen Stab hoch erhoben; der grüne Stein an dessen Spitze pulsierte im Takt seines beschleunigten Herzschlags. Ihm fiel auf, dass jedes Mal, wenn der Wächter seine massiven Arme schwang, die leuchtend grünen Steine, die in seine Schultergelenke eingelassen waren, mit einer strahlenden, weißglühenden Intensität aufleuchteten. Diese Steine waren die Energieleitungen, die Energie von der Kerneinheit in seinem Torso zu seinen als Waffen eingesetzten Gliedmaßen leiteten.
“Wenn ich den Fluss stören kann”, murmelte er und kniff die Augen zusammen, während er die Flugbahn berechnete. “Aber zuerst muss ich an diesen Zylindern vorbei.”
Der Wächter stürzte sich erneut auf ihn und setzte diesmal beide Arme ein, um ihn mit einer vernichtenden Zangenbewegung zwischen den rotierenden Stacheln einzuklemmen. Anstatt sich zurückzuziehen, sprintete Smurglem direkt auf die Maschine zu.
Im letzten Moment rutschte er über den glatten Steinboden und schlüpfte direkt zwischen den massiven Eisenbeinen des Wächters hindurch – genau in dem Moment, als die mit Stacheln besetzten Zylinder hinter ihm mit einem ohrenbetäubenden, metallischen Krachen aufeinanderprallten, sodass Funken durch den Raum flogen.
Als er hinter dem Konstrukt hervorkam, sprang Smurglem auf die Beine und rammte den spitzen Griff seines Stabes nach oben, direkt auf die freiliegenden Kabel und Energieleitungen unterhalb des linken Schultergelenks des Wächters.
Der Schlag saß. Die grüne Steinspitze seines Stabes traf die Energieleitung und leitete die gesamte darin gespeicherte magische Energie direkt in das interne Stromnetz der Maschine.
Ein blendender Blitz aus smaragdgrünem und purpurrotem Licht schoss aus dem Gelenk. Der Wächter stieß einen schrecklichen, schrillen Schrei aus – eine Mischung aus knirschendem Metall und überlasteten magischen Frequenzen. Der linke Arm wurde schlaff, der rotierende Zylinder kam langsam zum Stillstand, während hellblaue Funken aus dem zerschmetterten Gelenk sprühten.
Der Sieg war jedoch nur von kurzer Dauer. Der Wächter war zwar beschädigt, aber noch lange nicht außer Gefecht gesetzt. Er drehte sich mit erschreckender Geschwindigkeit auf seinem rechten Fuß und versetzte Smurglem mit seinem funktionsfähigen rechten Arm einen Rückhandschlag auf die Brust, noch bevor dieser seinen Stab vollständig zurückziehen konnte.
Die Wucht des Schlags riss ihn von den Beinen und schleuderte ihn quer durch den Gewölberaum. Er prallte heftig gegen eine der mit Glyphen bedeckten Wände; der Aufprall raubte ihm den Atem und ließ einen scharfen, stechenden Schmerz durch seine Rippen schießen. Er rutschte zu einem Haufen auf den Boden, sein Stab rollte außer Reichweite, sein grünes Licht verblasste zu einem matten, erbärmlichen Schimmer.
Der Preis für verbotenes Wissen
Smurglem lag an der Wand, jeder Atemzug fühlte sich in seiner Brust wie flüssiges Feuer an. Er schmeckte Blut im Mund, und vor seinen Augen schwammen Flecken in wechselnden Farben. Durch den Schleier sah er, wie sich der Wächter näherte, sein einziges rotes Auge auf ihn gerichtet, den verbliebenen Arm erhoben für einen letzten, vernichtenden Schlag.
Der interne Chor des Konstrukts meldete sich erneut, doch die Stimmen klangen nun verzerrt und wurden von Rauschausbrüchen aus dem beschädigten Schultergelenk unterbrochen. “Bedrohung … Neutralisierung … steht unmittelbar bevor. Datenintegrität … gewahrt.”
Smurglem streckte seine rechte Hand aus, doch seine Finger kratzten vergeblich über den glatten Boden, als er versuchte, seinen Stab zu erreichen. Er war zu weit weg. Ihm ging die Zeit aus, ihm gingen die Zaubersprüche aus, und ihm gingen die Möglichkeiten aus.
“Nein”, zischte er durch zusammengebissene, blutige Zähne. “Ich bin schon zu weit gekommen, um von einem Relikt ausgelöscht zu werden.”
Er brauchte den Stab nicht. Der Stab war lediglich ein Ankerpunkt, ein Werkzeug für einen Verstand, der die Grundprinzipien der Resonanz bereits beherrschte. Er presste seine Handflächen flach gegen die mit Glyphen bedeckte Steinwand hinter sich, schloss die Augen und ignorierte den stechenden Schmerz in seinem Oberkörper.
Er versuchte nicht, einen Verteidigungszauber zu wirken. Stattdessen lenkte er sein verbleibendes Bewusstsein direkt in die Wand hinein und verband sich mit dem riesigen Netzwerk aus magischen Glyphen, die den gesamten Tresorraum säumten. Die Glyphen waren eine Sprache, und Smurglem wusste, wie man ihre Syntax umschreibt.
Er begann, eine Sequenz der umgekehrten Induktion zu rezitieren – eine verbotene asklevianische Technik, die ein System dazu zwang, seine eigene Energiequelle zu verbrauchen. Die Glyphen um ihn herum hörten auf, purpurrot zu blinken; sie wurden blendend, strahlend weiß. Die Veränderung breitete sich rasch über die Wände aus, bewegte sich wie ein Lauffeuer entlang der Zeilen des uralten Textes und steuerte direkt auf die Deckenleitungen zu, die den Wächter mit Energie versorgten.
Das Konstrukt erstarrte, sein erhobener Arm zitterte, als das Energienetzwerk zu versagen begann. Das rote Licht in seinem Augenschlitz flackerte wild, und sein innerer Chor schwoll zu einem panischen, schrillen Schrei an.
“System… Ausfall… Kettenreaktion… erkannt…”
“Schalt es aus”, befahl Smurglem, und seine Stimme hatte das unumstößliche Gewicht eines Herrn, der einem Diener einen Befehl erteilt.
Mit einem letzten, katastrophalen Grollen rissen die Energieleitungen in der Decke. Der noch funktionsfähige Arm des Wächters sank an seine Seite, und das purpurrote Licht in seinem Auge verblasste zu einer leblosen, hohlen Schwärze. Das massive Eisenkonstrukt stand regungslos in der Mitte des Gewölbes – ein stummes, totes Denkmal für ein Zeitalter, das endgültig vorbei war.
Smurglem sackte nach vorne zusammen, seine Stirn ruhte auf dem kalten Steinboden. Er lag lange Zeit dort und lauschte dem Tropfen seines eigenen Blutes und dem langsamen, verhallenden Summen der Hilfssysteme des Gewölbes. Er hatte gewonnen, doch der Preis dafür war direkt aus seinem eigenen Fleisch herausgeschnitten worden.
Flucht aus den Tiefen
Smurglem musste seine ganze Willenskraft aufbringen, um sich wieder auf die Beine zu rappeln. Er stützte sich auf das Bein des toten Wächters und riss seinen geschundenen Körper mit einer Reihe rauer, abgehackter Atemzüge wieder hoch. Seine Rippen waren gebrochen und seine linke Schulter stark geprellt, aber er lebte noch.
Er hob seinen Stab auf; der grüne Stein darin absorbierte langsam die noch im Raum schwebenden Reste der magischen Explosion und kehrte zu seinem gewohnten, leisen Pulsieren zurück. Dann ging er zurück zum zentralen Sockel, seine Bewegungen waren langsam und mühsam.
Der Veridical Node blieb unversehrt, seine dunklen Facetten enthielten nach wie vor die entscheidenden Daten, für deren Beschaffung er alles riskiert hatte. Er konnte die Kugel selbst nicht mitnehmen – sie war zu schwer, und ihr Entfernen würde wahrscheinlich einen vollständigen Einsturz der Gewölbestruktur auslösen. Stattdessen holte er einen leeren Kristallsplitter aus seiner Innentasche hervor, ein Aufzeichnungsmedium, das dazu bestimmt war, die Signaturen größerer Artefakte abzubilden.
Er legte den Splitter an den Knoten, schloss die Augen und leitete eine kurze, schwache Energieübertragung ein. Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis der kleine Kristall die Koordinaten und Verfolgungsmuster aufnahm, die er bei seiner ersten Verbindung entdeckt hatte. Als der Vorgang abgeschlossen war, leuchtete der Splitter mit einem schwachen, inneren goldenen Licht – das unverkennbare Kennzeichen der Kimel-Drago-Daten.
Er verstaute die Scherbe tief in seiner Tunika und wandte sich dann seinem Kartentäschchen zu, das den Konflikt wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden hatte. Er hängte es sich wieder über die Schulter und warf einen Blick auf die Tresortüren. Sie standen weiterhin offen, ihre automatisierten Systeme waren in dem Zustand eingefroren, in dem sie sich unmittelbar vor dem Stromausfall befunden hatten.
Der Weg zurück die Stufen des Amphitheaters hinauf und durch das Aschenbecken war ein einziger Wirbel aus Schmerz und purer Ausdauer. Von den Kreaturen, die ihn beim Abstieg bedrängt hatten, war nichts mehr zu sehen – wahrscheinlich waren sie durch die gewaltigen magischen Entladungen, die das Tal erschüttert hatten, tief in die Spalten getrieben worden.
Als Smurglem schließlich aus dem Mündungsbereich des Beckens auftauchte und wieder auf die zerklüfteten Obsidiangrate kletterte, war der violette Himmel einem tiefen, sternenlosen Schwarz gewichen. Der Wind heulte immer noch, doch in seinen Ohren klang er weniger wie eine Bedrohung, sondern eher wie eine Klage um die Geheimnisse, die den Tiefen geraubt worden waren.
Er blickte wieder hinab in die dunkle Schale der Erde, seine goldenen Augen kalt und unnachgiebig. Er hatte die Koordinaten. Er wusste, wohin die Risse führten, und er verstand das wahre Wesen der Ernte, die gerade im Gange war. Die Suche nach Kimel Drago Es war keine ferne Legende mehr und auch kein akademisches Thema; es war eine Realität, mit der er nun direkt verbunden war, ob er es wollte oder nicht.
Fazit
Die Grenze zwischen Geschichte und Mythos wird oft von denen gezogen, die lange genug überleben, um die Geschichte zu erzählen. Für Smurglem den Asklevianer war das Überleben nicht nur eine Frage der biologischen Funktionen; es war eine ständige Abwägung, ein bewusster Trotz gegenüber einer Welt, die unermüdlich danach strebte, ihn in die Bedeutungslosigkeit zu zermalmen.
Sein Ausflug in die Tiefen des Ashen Vault brachte mehr als nur Koordinaten und Datenfragmente zutage; er gewährte einen schonungslosen, kompromisslosen Einblick in das, was beim Kimel-Drago-Phänomen wirklich auf dem Spiel stand. Die Kräfte, die hier am Werk waren, waren weder zufällige Anomalien der Natur noch wohlwollende Geschenke eines fernen Pantheons. Sie waren präzise, gefährlich und wurden von einer Intelligenz gesteuert, die in einem Ausmaß agierte, das die Grundfesten der Realität selbst neu zu ordnen drohte.
Als Smurglem von den Obsidian-Graten davonhumpelte – sein Körper gebrochen, doch sein Geist brannte vor neu gewonnener Klarheit –, begriff er, dass sich seine Rolle in dem sich entfaltenden großen Epos gewandelt hatte. Er war nicht länger nur ein Beobachter oder ein Sammler verbotener Wissen. Indem er die Daten aus dem Veridical Node extrahiert hatte, hatte er sich in das große Räderwerk des Schicksals eingeflochten.
Die Wege, die vor ihm lagen, bargen eine noch größere Gefahr als die automatisierten Wächter und die chitinartigen Schrecken des Beckens. Der sich bewegende Spalt steuerte auf sein nächstes Ziel zu, und das Wesen, das ihn lenkte, würde irgendwann bemerken, dass ein einsamer Reisender seinen Weg verfolgte. Doch als er in den dunklen Umrissen der nördlichen Landschaft verschwand, verspürte Smurglem kein Bedauern. Die Suche war gefährlich, der Kosmos war gleichgültig, aber er besaß das Einzige, was das Gleichgewicht kippen konnte: die Wahrheit. Und in einem Universum, das von sich wandelnden Illusionen geprägt war, war die Wahrheit die ultimative Waffe.
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